Wenn Molina bei der Flugvorführung ihre Flügel über dem Platz ausbreitet, geht ein Raunen durch das Publikum. Und Papaya? Mit einem Augenzwinkern: Viele halten sie zuerst für einen Tannenzapfen auf dem Handschuh. Beide sind Greifvögel, beide fliegen – doch ihre Flügel erzählen zwei ganz verschiedene Geschichten. Hier geht es um die Spannweite: was die Zahlen sagen, was die Flügelform bedeutet und was Forschende in den letzten Jahren herausgefunden haben.

Der größte Vogel ist unsere Kondordame Molina. Der Andenkondor hat eine Spannweite von 274–310 cm (Birds of Bolivia), und The Peregrine Fund nennt ihn den Greifvogel mit der größten Spannweite der Welt (Peregrine Fund). Der kleinste ist unsere Zwergohreule Papaya: 19–20 cm lang, 60–120 g schwer und 53–63 cm Spannweite (MME / BirdLife Hungary).
Nimmt man jeweils die Mitte der Spannen, ist Molinas Spannweite etwa fünfmal so groß wie die von Papaya. Beim Gewicht ist der Unterschied noch größer: Ein Kondor wiegt 17–33 Pfund (lb), also ca. 7,7–15 kg (Peregrine Fund) – mehr als hundertmal so viel wie eine Zwergohreule.

Die riesige Spannweite ist zum Segeln gebaut. Lange, breite Flügel mit gespreizten „Fingern“ (den Handschwingen) nutzen Aufwinde an Berghängen und Thermik. Der Kondor ist Aasfresser; er jagt nicht, muss aber große Gebiete mit wenig Energie absuchen können. Im Forschungsteil steht, wie selten er tatsächlich mit den Flügeln schlägt.
231–283 cm und 4,5–7,1 kg (Peregrine Fund). Die Flügel sind schmaler und spitzer als beim Kondor, der Schwanz ist lang und keilförmig – eine Silhouette, die man schon von Weitem erkennt. Er gleitet an Berghängen entlang und sucht nach Knochen.
195–245 cm, ca. 95 cm lang; Männchen 4,9–6 kg, Weibchen 6,8–9 kg (BC Rare Bird Records, nach Brazil 2009 und Meyburg u. a. 2020). Der schwerste Adler im Ørnereservatet. Breite „Brett“-Flügel und ein keilförmiger Schwanz – gut, um schwere Beute wie Fische zu tragen.
193–244 cm und 3–7 kg (Peregrine Fund; RSPB gibt 200–240 cm an). Dänemarks größter Greifvogel. Breite, rechteckige Flügel für lange Gleitflüge über Wasser und Küste.
204–220 cm (RSPB) und 3–6 kg (Peregrine Fund). Etwas schlankere Flügel als der Seeadler und ein längerer Schwanz – er kann hoch segeln und auch blitzschnell auf Beute herabstoßen.
181–219 cm und 3–4,15 kg (Peregrine Fund). Die Flügel sind am Körper schmal und außen breit – eine typische „Paddelform“. Ein Felsspezialist, der die Aufwinde an Felswänden nutzt.
120–130 cm und 0,9–2 kg; der größte Falke der Welt (Peregrine Fund). Falken haben spitze Flügel ohne „Finger“ – gebaut für Tempo und kräftige Flügelschläge statt für das Segeln.
97–126 cm und 730–1300 g (Peregrine Fund). Jagt meist tief über offenem Gelände nach Nagetieren und Vögeln.
RSPB gibt 95–115 cm an; Peregrine Fund 78–122 cm und 0,4–1,5 kg (Peregrine Fund). Berühmt für seinen Sturzflug – laut Peregrine Fund wurden über 200 mph (ca. 320 km/h) gemessen. Im Sturzflug legt er die Flügel eng an den Körper.
76–91 cm; Männchen 453–680 g, Weibchen 680–906 g (Animal Diversity Web). Eulen haben breite, abgerundete Flügel mit geringer Flächenbelastung – das ermöglicht einen langsamen, kontrollierten Flug zwischen den Bäumen.
53–63 cm und 60–120 g (MME). Unser kleinster Vogel. Papaya ist eine kleine Insektenjägerin mit roten Augen und Federohren.
| Art (unser Vogel) | Spannweite | Gewicht | Länge | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Andenkondor (Molina) | 274–310 cm | ca. 7,7–15 kg (17–33 lb) | 100–122 cm | Birds of Bolivia; Peregrine Fund |
| Bartgeier (Barbatus) | 231–283 cm | 4,5–7,1 kg | 94–125 cm | Peregrine Fund |
| Riesenseeadler | 195–245 cm | ♂4,9–6 / ♀6,8–9 kg | ca. 95 cm | BC Rare Bird Records |
| Seeadler | 200–240 cm (RSPB) | 3–7 kg | 70–90 cm | RSPB; Peregrine Fund |
| Steinadler | 204–220 cm | 3–6 kg | 75–88 cm | RSPB; Peregrine Fund |
| Schwarzadler | 181–219 cm | 3–4,15 kg | 80–90 cm | Peregrine Fund |
| Gerfalke | 120–130 cm | 0,9–2 kg | 50–63 cm | Peregrine Fund |
| Würgfalke | 97–126 cm | 730–1300 g | 45–57 cm | Peregrine Fund |
| Wanderfalke | 95–115 cm (RSPB) | 0,4–1,5 kg | 39–50 cm | RSPB; Peregrine Fund |
| Brillenkauz (Delta) | 76–91 cm | 453–906 g | 43–46 cm | Animal Diversity Web |
| Zwergohreule (Papaya) | 53–63 cm | 60–120 g | 19–20 cm | MME / BirdLife Hungary |
Die Spannen gelten für die Art allgemein, nicht für unsere eigenen Vögel. Bei Greifvögeln sind Weibchen meist größer als Männchen.
Die Flächenbelastung ist das Gewicht, verteilt auf die Flügelfläche. Geringe Belastung = der Vogel kann langsam fliegen und schon bei schwachem Aufwind segeln. Die Streckung (Aspect Ratio: Spannweite² / Flügelfläche) beschreibt, wie lang und schmal der Flügel ist. Ein konkretes, gemessenes Beispiel: In einer PNAS-Studie wurde Microraptor mit dem Fregattvogel verglichen. Microraptor hatte eine Streckung von 6,7 und eine Flächenbelastung von 70,6 N/m², der Fregattvogel 25,2 und 45,4 N/m² (Chatterjee & Templin 2007). Der Fregattvogel ist also ein extremer Segler mit langen, schmalen Flügeln.
Für unsere eigenen Arten haben wir keine gemessenen Flügelflächen in Quellen gleicher Qualität gefunden, deshalb nennen wir keine Zahlen – nur das Muster: Geier und Adler haben breite Flügel mit „Fingern“, ideal für Thermik; Falken haben spitze Flügel für Tempo; Eulen haben große, breite Flügel für einen lautlosen, langsamen Flug.
Ein Maß, das Forschende oft verwenden, ist der Hand-Wing-Index (wie lang die „Hand“ im Verhältnis zum Flügel ist). In einer Studie mit über 10.000 Vogelarten zeigten Sheard u. a. (2020), dass der Index damit zusammenhängt, wie weit sich Arten ausbreiten – und mit Zugverhalten und Lebensraum (Nature Communications). Die Messdaten sind in der Datenbank AVONET frei zugänglich (Tobias u. a. 2022, Ecology Letters).
Williams u. a. statteten wilde Andenkondore in Patagonien mit Fluglogger aus. Die Vögel verbrachten nur etwa 1 % der Flugzeit mit aktivem Flügelschlag; über drei Viertel der Flügelschläge fielen beim Abheben an – und ein Kondor flog über fünf Stunden und rund 172 km, ohne ein einziges Mal zu schlagen (PNAS 2020). Die große Spannweite ist also eine Methode, Energie zu sparen.
Mills u. a. simulierten die Angriffe des Wanderfalken und fanden heraus, dass ein Sturzflug mit hohem Tempo die Fangchance bei wendiger Beute erhöht, weil die großen aerodynamischen Kräfte im Sturzflug die Steuerfähigkeit verbessern (PLOS Computational Biology 2018).
Harvey u. a. zeigten, dass Vögel durch Anlegen und Strecken der Flügel zwischen stabilem und instabilem Flug wechseln können – stabil zum Gleiten, instabil für schnelle Manöver (Nature 2022).
Die Studie zum Hand-Wing-Index (Sheard u. a. 2020, siehe oben) zeigte, dass Vögel in Gebieten mit starken jahreszeitlichen Schwankungen und Zugvögel generell längere, spitzere Flügel haben.

Vögel sind Dinosaurier – Nachfahren kleiner, gefiederter Raubdinosaurier (Theropoden). Die Flugsaurier (Pterosaurier), die riesig werden konnten, waren dagegen keine Dinosaurier, sondern eine Schwestergruppe. Sie lassen wir hier weg.
Microraptor (vor ca. 120 Mio. Jahren, China) hatte lange Flugfedern an Armen und Beinen – vier „Flügel“ (Xu u. a. 2003, Nature). Für den Holotyp wurden eine Spannweite von 0,94 m und ein Gewicht von etwa 0,95 kg berechnet (Chatterjee & Templin 2007). Archaeopteryx (vor ca. 150 Mio. Jahren, Deutschland) hatte eine Spannweite von ca. 70 cm (Überblicksniveau, Wikipedia). Die Knochen in seinen Flügeln deuten darauf hin, dass er aktiv mit Flügelschlägen fliegen konnte (Voeten u. a. 2018). Eine Analyse von 2020 zeigte, dass mehrere der nächsten Verwandten der Vögel nahe an der Schwelle zum aktiven Flug lagen, aber nur wenige sie überschritten (Pei u. a. 2020, Current Biology).

Microraptor ist einer der wenigen Dinosaurier, deren Mageninhalt wir tatsächlich kennen. Gefunden wurden Reste eines Vogels (O'Connor u. a. 2011, PNAS), von Fischen (Xing u. a. 2013, Evolution) und einer ganzen Eidechse, die mit dem Kopf voran verschluckt wurde (O'Connor u. a. 2019, Current Biology). Er war also ein vielseitiger kleiner Räuber – gefährlich für kleine Tiere, nicht für Menschen (die es ja noch nicht gab). Beim Archaeopteryx kennen wir den Mageninhalt nicht; er hatte kleine Zähne, und die Fußballen des neuen Chicago-Exemplars deuten auf einen Fuß zum Laufen am Boden hin, nicht zum Greifen von Beute wie bei einem Greifvogel (O'Connor u. a. 2025, Nature).
| Microraptor / Archaeopteryx | Heutige Greifvögel | |
|---|---|---|
| Mund | Zähne | Zahnloser Hakenschnabel |
| Schwanz | Langer, knöcherner Schwanz (Chicago-Exemplar: noch länger als gedacht) | Kurzer Schwanz mit verwachsenen Schwanzwirbeln (Pygostyl) und Federfächer |
| Hände | Finger mit Krallen; der kleinste Finger war frei beweglich (Chicago-Exemplar) | Finger im Flügel verwachsen |
| Flügel | Microraptor: vier Flügel (Arme + Beine) | Zwei Flügel |
| Federn | Asymmetrische Flugfedern – wie bei heutigen Vögeln; Archaeopteryx hatte Schirmfedern (Tertiärschwingen), die die Lücke zwischen Flügel und Körper schlossen | Gleicher Grundaufbau |
| Beutegriff | Archaeopteryx: kein Greiffuß | Kräftige Greiffüße mit Krallen |
Brustbeinkamm und Flugmuskulatur: Wir haben keine ausreichend gute Quelle für eine kurze, präzise Aussage gefunden, daher ist dies hier weggelassen.








Zahlen sind das eine – aber den Luftzug zu spüren, wenn ein Seeadler einen Meter über dem Kopf vorbeigleitet, ist etwas ganz anderes. Kommen Sie zur Flugvorführung und sehen Sie mit eigenen Augen den Unterschied zwischen den spitzen Flügeln eines Falken und den „Fingern“ eines Kondors. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.
– Peter Frank Wenzel, Ørnereservatet